Meinung: Hört auf mit diesem Hochzeits-Fetisch!

Taylor Swift hat sich verlobt und die Welt steht Kopf. Unsere Autorin hinterfragt den rosaroten Wahnsinn ums Happyend.

Ein Kuss im Rosenmeer und alle drehen durch. Taylor Swift und ihr Footballer werden heiraten! Er lockte sie in seinen Garten, fiel vor ihr auf die Knie. Ein Diamant so groß wie ein Muffin. Irgendjemand saß im Gebüsch und knipste die Umarmung der beiden. Die Bilder, die Taylor Swift zwei Wochen später auf Instagram teilte, bekamen bisher 34 Millionen Likes. Keine Plattform, auf der sie nicht auftauchten.  

Überraschend ist der Verlobungs-Hype nicht, alles, was Swift macht, wird bis ins kleinste Detail seziert. Aber das hier ist eine andere Dimension, Medien sprechen schon jetzt von der „Hochzeit des Jahrhunderts“. Mich verstört das. Ich finde es altbacken. Und auch ein wenig tradwifig. War Taylor Swift nicht mal diese selbstbestimmte Karrierefrau, die Herzschmerz-Survival-Queen, die ihre Ex-Freunde in Songs abklatschte? Die dem Stigma, eine Katzenfrau zu sein, nicht aus dem Weg ging?  

Und jetzt fällt ihr Typ vor ihr auf die Knie und „All ihre Sehnsüchte erfüllen sich“, wie überall geschrieben steht. Als sei eine Heirat im Leben einer Frau dann doch das Puzzle-Stück, das zum großen Glück gefehlt hat. Als habe man als weibliches Wesen Leerstellen, in die man Diamanten stopfen muss.  

Dieser Text soll kein Swift-Bashing sein. Ich mag sie. Doch nach ausführlicher medialer Betrachtung der Verlobung, Ringanalysen etc. nervt schon jetzt, was da auf uns zurollt: welche Torte, welche Blumen, welche Gäste, welche Kleider? Es wird sich anfühlen, als würde man seinen Kopf mit Tüll ausstopfen.  

Auch ein Wedding-Album von ihr braucht wirklich niemand. Die Vertonung eines Post-Happyends ist künstlerisch vollkommen irrelevant. Das wäre wie eine Kuschelrock-CD rückwärts abzuspielen. Gefühle auf Badewassertemperatur. Die Idee von der ewigen Liebe hat nur in der Theorie einen Reiz, nicht in der Praxis. Auch die Ehe von Kelce und Swift (wird er eigentlich IHREN Namen annehmen?) wird der Prüfung von Gewohnheit und Alltag standhalten müssen. Dann geht es nicht mehr um Diamanten und Rosen. Dann geht es darum, wer höflicher weghört, wenn der andere in der Hotelsuite aufs Klo muss. 

Nach Taylor Swifts Verlobung kommt die nächste Frage: Wann kommt das Baby? 

Ich verstehe, dass eine Hochzeit, ein Happyend, wenn man so will, etwas Tröstliches hat. Ein Paar wie Swift und Kelce schafft Ordnung in einer chaotischen Welt. Alles ist an seinem Platz. Alles ist gezähmt. Die Liebe. Die Triebe. Mit einer Hochzeit erfüllen die beiden die Pflicht als gute Mitglieder der Gesellschaft in einem Land, das sich immer konservativer ausrichtet. Sogar Trump gratulierte ihnen zur Verlobung.  

Trotzdem: Diese Fetischisierung von Heirat, das passive Warten auf den Antrag eines „Traumprinzen“, finde ich hochgradig antifeministisch. Auch, weil es Themen sind, an denen sich vor allem Frauen abarbeiten, als gäbe es nichts Wichtigeres. Werden Männer-Stammtische von Passau bis Pittsburgh nun monatelang darüber diskutierten, welchen Hochzeitsanzug Travis Kels tragen und welches Muster sein Anstecktuch haben wird? Sicher nicht.  

Und wenn das dreitägige Feuerwerk verpufft ist und sie endlich „Mann und Frau“ sind, kann sich die Menschheit dann der nächsten Frage widmen: Wann kommt das Baby?

Geht mir aus dem Weg mit eurem Hochzeits-Fetisch

Als kleines Mädchen hatte ich Barbie-Zubehör, zu dem auch ein Brautkleid mit roter Schleife gehörte. Wie hübsch Barbie darin aussah! Aber es gab keinen Ken dazu. Der Ken meiner Mutter war mein Vater – und definitiv kein Ehe-Material. Ich ahnte schon mit fünf, dass Barbie ohne Ken manchmal vielleicht besser dran ist.  

Im Hafen der Ehe einzulaufen, wo das Schiff bald zu rosten anfängt, macht mir Angst. Dass die Liebe nur groß ist, weil man sie groß feiert, finde ich verdächtig. Und dass eine Beziehung „nächste Schritte“ braucht – Zusammenziehen, Heiraten, Kinder – macht für mich keinen Sinn. Mit 36 weiß ich, dass Verliebtheit flüchtig ist, Liebe kompliziert und eine langjährige Beziehung sehr viel Arbeit braucht. Übrigens würde mein Freund gern heiraten, weiß aber, dass ich davon nichts halte. 

„The Summer I Turned Pretty„: Noch so ein Ehe-Hype 

Mit ihrer medienwirksamen Verlobung führt Taylor Swift nur einen Trend fort, der schon seit Jahren um sich greift. Man nehme die ganzen Young-Adult-Romane, in denen die Irrwege der Liebe am Ende am Altar zusammenfinden. Ein Beispiel ist die Roman-Trilogie, auf der die beliebte Amazon-Serie „The Summer I Turned Pretty“ („Der Sommer, in dem ich schön wurde“) beruht und in der die junge Belly zwischen den Brüdern Jeremiah und Conrad steht. Eine Serie wie eine Relax-Massage fürs Hirn. Doch in Staffel drei soll geheiratet werden – mit Anfang zwanzig! Eigentlich wollte Belly zum Studieren nach Paris, doch dann kam der Antrag und nun geht es stattdessen ums Kleid, um Blumen und Location. Fad! In dieser keuschen Perlenkettenhaftigkeit liegt etwas, das ich als bedrohlich rückschrittlich empfinde. Und ich hoffe darauf, dass Belly am Ende beide stehen lässt, nach Paris geht und es dort ordentlich krachen lässt. 

Übrigens werde ich selbst sehr gern zu Hochzeiten eingeladen. Ich bin ein guter Gast! Ich stürze mich auf quietschsüße Torte, verdrehe kaum die Augen bei peinlichen Reden und tanze bis in die Morgenstunden. Auch mal zu Taylor Swift.